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Würgen geht auf die Frisur—mein Tag beim Krav-Maga-Selbstverteidigungskurs

Seit den Übergriffen in der Silvesternacht in Köln sprießen Selbstverteidigungskurse für Frauen nur so aus dem Boden. Unsere Autorin lernte nach einer Einheit beim Krav Maga, dem israelischen Kampfsport: Selbstbewusstsein schlägt Pfefferspray.

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März 17 2016, 11:45am

facebook.com/KRAV-MAGA-INSTINCT-BERLIN

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Es ist Sonntag, 13:30 Uhr. Ich stehe an der Berliner Straße in Wilmersdorf und bin angespannt: Ich gehe heute zu einem Krav-Maga-Selbstverteidigungskurs nur für Frauen. Krav Maga ist ein israelischer Kontaktkampf und dient hauptsächlich zur Selbstverteidigung. Es lehrt die effektivsten und brutalsten Arten, sich vor Angriffen zu schützen. Seit den Belästigungsvorfällen in Köln während der Silvesternacht sprießen solche Selbstverteidigungskurse nur so aus dem Boden und sind schneller ausgebucht, als dass man „Armlänge Abstand" sagen kann. Frauen haben es satt mit der Angst im Nacken abends durch die Straßen zu wandern. Ab jetzt wird der eigene Schutz selbst in die Hand genommen. Und das will ich auch. Während man für einige Selbstverteidigungsseminare bis zu 100 Euro blechen kann, (das Geschäft mit der Angst scheint verdammt gut zu laufen), habe ich mich für einen Kurs, der lediglich 25 Euro kostet, entschieden.

Seit den Vorfällen rund um den Kölner Dom bin ich wesentlich unsicherer geworden, wenn ich abends alleine auf der Straße unterwegs bin. Auf meinem Nachhauseweg begleitet mich meist nur ein Gedanke: „Was würde ich tun, wenn was passiert?" Da hilft das Pfefferspray in der Jackentasche auch nicht mehr. In Berlin gibt es genug gruselige Winkel. Es wird also höchste Zeit, sich ein paar Kampf-Skills anzueignen und diese Angst soweit es geht abzulegen.

Ich stehe recht verunsichert vor der Tür eines ghettohaft wirkenden Blocks. Durch das Fenster sehe ich einen riesigen Boxring. Es hängen Boxsäcke von der Decke. Sofort schwirren mir blutige Bilder aus einem illegalen Fightclub durch den Kopf. Ich zucke zusammen, als ein riesiger Kerl mich von hinten antippt. „Kann ich mal vorbei?", murmelt er genervt. „Ähm ja klar, ich will da auch rein", pieps ich. Er grinst mich an und nickt. Spätestens jetzt bin ich richtig eingeschüchtert.

Als ich in den Raum trete, atme ich auf. Am Empfang sitzt ein fröhlicher Mittvierziger, der sich mir als Jens vorstellt. „Treppe hoch, dann rechts", beschreibt er mir den Weg zum Umkleideraum. Dort sitzen etwa zehn Frauen, im unterschiedlichsten Alter. Ein paar Anfang zwanziger Mädels kichern um die Wette, eine Hausfrau füllt ihre Flasche auf und eine fit wirkende Lady schlüpft in ihre Sportleggins. So richtig schutzbedürftig sieht hier eigentlich keiner aus, vor mir stehen nur taff wirkende Frauen. Ein etwas schüchternes, rothaariges Mädchen grinst mich an, während auf der anderen Seite des Raumes spaßig rumgepöbelt wird. Zwei Mädchen, die offensichtlich ein Pärchen sind, necken sich gegenseitig. „Jetzt kann ich endlich mal zurückzahlen, was ich tagtäglich einstecken muss", ruft die eine und bekommt dafür ein liebevollen Knuff von ihrer Partnerin. Die Stimmung ist recht ausgelassen. Neben mir zieht sich eine beachtlich große Frau um, die nebenbei erwähnt, dass vorher sie schon eine Weile Judo gemacht hat. Zeitgleich erzählt ein fröhliches Mädchen mit langem Zopf, dass sie extra drei Stunden mit dem Zug angereist ist, um diesen Kurs zu belegen. Es ist eine bunte Mischung von Frauen, die ganz heiß darauf sind, endlich zu kämpfen.

Boxsäcke im Trainingsraum
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Fertig umgezogen werden wir wieder zum Empfangsraum geschickt, dort steht eine unserer Trainerinnen, Bettina. Sie ist mittelgroß, hat schwarze Haare und ein offenes Lachen. Sie trägt ein komplett schwarzes Trainingsoutfit. Mit einem festen Händedruck und einem prüfenden Blick begrüßt sie jeden einzeln. Sie geht mit uns in Trainingsraum, den ich schon durch das Fenster gesehen habe. Und schwupps, da ist es wieder, das leicht mulmige Gefühl. Ich sehe mich um, der Boden ist mit Matten ausgelegt, rechts sehe ich einige Sportgeräte. Auf der Hantelbank liegt meine Bekanntschaft von draußen, drückt beachtliche Gewichte und keucht dabei laut. Die Wände sind mit Spiegeln bestückt und überall hängen Boxsäcke von der Decke.

Viel Zeit zum Nachdenken habe ich gar nicht mehr, denn da kommt auch schon die zweite Trainerin durch die Tür. Jani ist Polizistin, mit ihr möchte man sich nicht anlegen. Sie hat raspelkurze Haare, einen durchdringenden Blick und einen festen Stand, wirkt aber trotzdem sympathisch. Mit den Händen in die Hüften gestemmt steht sie in der Mitte und guckt sich grinsend um, „Na, seid ihr gut drauf?" Ein verhaltendes „Ja." kommt von allen Mädels zurück. Dann geht es los: Zum warm machen werden Zweierteams gebildet. Ich tue mich mit dem rothaarigen Mädchen zusammen. Bettina fordert jedes Team auf, sich ein Paar Pratzen zu nehmen. Zur Erklärung, Pratzen sind viereckige Boxhandschuhe aus hartem Schaumstoff. Meine Partnerin, die sich mir als Lisa vorstellt, soll mich im Uhrzeigersinn mit den Pratzen hauen. Ich soll diese Schläge mit meinem Unterarm abwehren. Im Hintergrund macht Jani laut ACDC an.

Gruppenfoto: l. Polizistin Jani in schwarz, r. Trainerin Bettina auch in schwarz
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Das ist der Moment, in dem ich lachen muss. Mir bietet sich ein wirklich schräges Bild: Zehn Frauen ziehen sich im Takt von ACDC eins mit den Pratzen über. Doch das Lachen vergeht mir schnell, denn Lisa haut gnadenlos zu und ich muss mich konzentrieren. Die so simpel wirkende Übung wird auf Dauer ziemlich anstrengend und außerdem auch ein wenig schmerzhaft. Nach einer Weile wechseln wir uns ab, ich darf Lisa hauen. Das Kichern ist mittlerweile völlig verstummt, es fängt an Spaß zu machen. Bettina unterbricht die konzentrierte Grundstimmung. Zusammen mit Jani stellt sie sich in die Mitte des Raumes. Man merkt sofort, dass die beiden ein verdammt gut eingespieltes Team sind. Sie erzählen abwechselnd worum es in diesem Kurs geht. Kurz zusammen gefasst: Um Selbstverteidigung. Angefixt von der Rockmusik und dem Rumgeboxe kann ich es kaum erwarten richtig loszulegen.

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„Hat jemand ein Problem damit, im Training ein bisschen gewürgt zu werden?" fragt Jani nach der Erklärungsrunde. Unsicheres Kichern bricht im Raum aus. Mist, generell habe ich ein riesiges Problem damit gewürgt zu werden. Wer bitte nicht? Aber Bettina und Jani wirken kompetent und freundlich. Ich vertraue ihnen. Alle vertrauen ihnen. Keine hat ein Problem damit, gewürgt zu werden, zumindest sagt es keine. Dann geht es weiter, wir bekommen einen Move beigebracht, um uns aus einem Würgegriff zu befreien. Die Aufgabe ist es, ordentlich zuzupacken. „Sonst merkt sich das Gehirn den Bewegungsablauf nicht und kann ihn in einer Gefahrensituation nicht abrufen", erklärt Jani eindringlich. Gesagt, getan. Es wird gewürgt, was das Zeug hält. Währenddessen laufen die Trainerinnen durch den Raum, berichtigen uns und greifen auch gerne selber zu.

Dann wieder ein kurzer Break, wir haben die Möglichkeit Fragen zu stellen. Jani erzählt uns etwas über das Selbstbewusstsein und den Mut, den man als Mädchen braucht. Ihre Message steht: „Verkauft euch nicht unter eurem Wert. Ihr seid stärker als ihr denkt." Dann werden an die Hälfte der Gruppe Masken verteilt. Die Mädels mit den Masken vor den Augen verteilen sich im Raum, die anderen sollen sie angreifen. Es wird wieder laut Rockmusik aufgedreht. Hoch konzentriert stehe ich völlig blind mit der Maske im Raum und warte ängstlich darauf gewürgt zu werden. Zwischen der lauten Musik ertönen jetzt Schreie und Beleidigungen, diese Übung soll so nah wie möglich an den Ernstfall kommen. Dann ist es soweit, ich werde von hinten angegriffen. Völlig ahnungslos, wer mir da grade die Luft abdrückt, mache ich den Trick und habe sie im Griff. Yes, es klappt. Ich fühl mich stark und gut und unbesiegbar. Nach zehn Minuten und unzähligen Würgegriffen später ist die Übung vorbei.

l. Trainerin Jani am Boxsack

Mittlerweile sehen alle ganz schön mitgenommen aus. Würgen geht auf die Frisur. Es geht zur letzten Übung des Tages. Jedes Mädchen bekommt wieder Pratzen in die Hand. Ich gehe in die Mitte und bekomme einen Gürtel um die Hüfte gewickelt, den ein anderes Mädchen festhält. Bettina stellt sich mit einem Boxsack vor mich und grinst. Meine Aufgabe ist es, den Boxsack anzugreifen. Ich soll an dem Gürtel nach hinten gezogen werden, während die anderen Mädchen um mich herum stehen und mit den Pratzen auf mich einschlagen. Ganze 45 Sekunden lang. Gesagt, getan: Die Musik ertönt und es schlagen und schreien prompt fünf Frauen auf mich ein. Ich merke wie die Wut in mir hochkommt und trete so doll ich kann auf den Boxsack ein. 45 Sekunden später ist der Wahnsinn vorbei. Völlig ausgepowert und unglaublich zufrieden schnappe ich mir Pratzen und helfe dabei, die anderen Mädchen zu vermöbeln. Für Außenstehende müssen wir aussehen wie eine Horde wild gewordener, lauter Kampf-Zwerge. Das ist mir in diesem Moment allerdings egal, denn es fühlt sich einfach gut an.

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Nachdem alle mit der Übung fertig sind, verabschieden sich Bettina und Jani. Das war´s, nach drei Stunden Training ist der Kurs vorbei.

Als ich eine halbe Stunde später frisch geduscht das Gebäude verlasse, tut mir jeder einzelne Knochen weh. Trotzdem habe ich ein Grinsen auf den Lippen. Lange habe ich mich nicht mehr so positiv ausgepowert und stark gefühlt. Während ich in der U-Bahn sitze, warte ich nur darauf angegriffen zu werden, um meine neu erlangten Kampfkünste auszuprobieren. Ich werde nicht angegriffen, das ist vermutlich auch besser so. Denn ob ich in der Extremsituation, nach diesen drei Stunden, wirklich brillieren würde, weiß ich nicht genau. Doch trotzdem hat mir dieser Kurs ein neues Selbstbewusstsein gegeben, ein Selbstbewusstsein was ich als Mädchen so noch nie gespürt habe. Und dafür hat es sich allemal gelohnt.

Folgt Katharina auf Twitter: @kathinkabang

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